Wer soll sich da noch auskennen! Almhüttensauna, Tepidarium,
Hamam - das eine tirolerisch, das andere römisch, das Nächste
türkisch - eine Ansammlung internationaler Schweißantriebsanlagen. Vera und ich hatten daher ja eigentlich vereinbart, uns gemeinsam
durch dieses Labyrinth von Schwitzkabinen und Aromagrotten, Erlebnisduschen und Sprudelpools zu tasten. Aber wer Vera kennt, weiß: Veras
Spontaneität kann immer wieder überraschen. Also: Vera ist schnell verschwunden. Kaum diesen Spa-Sektor unseres edlen Hauses betreten, muss
Vera ihrer Neugier nachgeben. Es ist die Aromagrotte mit dem Duft nach
Heu. Schon ist sie weg. Und im Verschwinden ruft sie noch etwas von Entgiftung und Entschlackung, von einem Kraftort. Und eine gewisse Hildegard
von Bingen soll da angeblich mitgemischt haben - Heilendes und Heiliges in Kombination. Obwohl doch diese Hildegard - meine Erinnerung
wird schnell wach - schon vor eher längerer Zeit das Zeitige gesegnet haben soll. Aber Heilige - oder solche, die dafür gehalten werden wollen - leben eben länger, sterben nie so richtig, nie richtig ganz. Vera also beim
Heuduft mit dieser alten Bingen, ich auf der Suche nach dem Sinn von Spa
und Schweiß, stoße auf diesen Feng. Auch so ein unsterbliches Wesen, und
überall die Finger drin mit seiner Shui, sogar in unserer Dampf- und Relaxanlage. Denn zufällig stehe, hänge oder liege da nichts herum. Alles folge hier dem Prinzip Rhythmus, heißt es, alles folge dem Prinzip Kling und
Klang nach Yin und Yang. Alles muss hier in Ausgewogenheit fließen: Rundungen und Schrägungen, ohne Ecken und Profil, hier viel sitzen, nix Bewegungen, trotzdem Schweiß, und der fließt viel.
Apropos fließen: Alles läuft hier sehr beschaulich ab. Das ohnedies reduzierte Tempo des vornehmen Hauses scheint hier - zwischen Solebad und
Biosauna - noch einmal heruntergefahren, fast zum Stillstand zu kommen.
Kurz werde ich infiziert von diesen schweigend herumwandelnden Bademänteln. Da noch ein Handtuch um den Hals, dort noch ein Lappen auf dem
Kopf. Alles schleicht und schleppt sich, flüstert nur und tuschelt. Heraus
aus der Infrarotkabine, hin zu der Schwallbrause, weiter zum „Raum-des-in-sich-Findens”. Wandelnd schleiche ich mit, lande also wirklich im Studio Schnarch. Da, wo in Harmonie und Gleichklang ohne Rhythmus, ohne
Takt geschnurrt, geschnaubt und eben geschnarchelt wird.
Und wenn Vera schon in ihrer Grotte vor sich hin schmachtet, muss ich
schon auch. Wir sind ja schließlich doch auch zum Schwitzen und nicht
nur zum Staunen da. Die Bärenhöhle mit Lavendelduft, ja, das kann es sein. Ich trete ein: nur heiß und düster und trocken. Hier ein Sitzplatz. Langsam
finde ich meinen Atemrhythmus, und tatsächlich so etwas wie Lavendel in
meiner Nase.
Reynolds und der Tölzer Bulle
Da sind sie also, da sitzen sie herum, diese Typen in ihrer gesamten männlichen Bandbreite - etwas rosig, ja schon runzlig, fast schon ranzig - von
Berlusconi bis Schwarzenegger, von Gandhi bis zum Tölzer Bullen. Wo bin
ich hier hineingeraten? Wenn ich das meinem mir anvertrauten Heinrich
erzähle! Da wird man als wellnessende Sonja Bräu wieder zufrieden. Da
sieht man, was man zu Hause hat. Da bringt man seine zarten Frauenfüßchen wieder auf den Boden. Oder anders: Man sieht als holde Fraulichkeit,
was einem so erspart bleibt in seinem kargen Leben.
Aber wie auch immer. Mein Frausein erfährt in seiner Schüchternheit
einen unerwarteten Schub. Ein laszives Lächeln trifft meine Verlegenheit,
ein maskulines Lächeln - eingerahmt in einen tiefen Schnauzer, und dahinter - ein ganzes Stück dahinter - ein Mann: die Inkarnation der Lebenslust.
Das muss echt die Reinkarnation von Burt Reynolds sein. Und die spontane
Wirkung: Schamesröte in meinen Ohrläppchen. Vera würde jetzt vor Neid
erblassen. Das sind die Momente, wo man wieder gerne Frau ist: Von Vera
beneidet, von Reynolds belächelt, in Schweiß gebadet.
Aber was soll's. Die sich in dieser Atmosphäre abzeichnenden Wallungen sind stärker als meine feminine Neugier an der multiplen Männerwelt.
Ich suche Abkühlung in einem Eisregen, tauche kurz in das Kneippbecken.
Der Kopf wird kühl, die Sicht wird klar. Sonja, werde wieder du selbst! Auch
ein Lächeln ist nur ein Lächeln. Also Schnurrbart hin, Lächeln her: Meinem
Heinzi muss ich ja doch nicht gar alles erzählen.
So, das alles hat mich jetzt doch etwas durstig gemacht.
Stumm und etwas benommen suche ich einen Wasserspender, höre
zwar ein Plätschern, finde mich aber rasch in einem opulenten Jungbrunnenkräutertee-Buffet. Teesorten bis zum Abwinken, vertrocknetes Obst
ebenfalls. Da soll noch einer etwas von Entgiften und Entschlacken oder so
sagen.
Prosecco und die „Tschippendails”
Und während ich noch immer nicht weiß, welches Wässerchen und welche
Früchtchen, steht Vera neben mir, lädt sich getrocknete Ananas und Papayas auf. Die Bananen
seien zu hart, das habe sie schon getestet. Und Apfelringe habe sie zu Hause selber. Und von diesem Teezeugs habe sie jetzt
langsam die Nase voll.
Und das nächste Mal, wenn wieder Wellness, dann werde einmal mit allen guten Vorsätzen gebrochen: Prosecco nach dem Aufguss, die despera-
ten Housewifes auf dem Flatscreen im Ruheraum. Nein, da müssen dann
schon die Chippendales her. Denn in der Aromagrotte, diese Herren jenseits des Ablaufdatums mit ihren fleischgewordenen Bonuszahlungen um
den Bauch, waren schon eine kleine Zumutung. Kein BMW-Experte, nichts.
Nur ein Verschnitt zwischen de Vito und Berlusconi: vom einen der Bauch,
vom anderen die Haarpracht, von beiden die Länge.
Sind Sie auf den Geschmack gekommen?
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